Sitten und GebräucheBrauchtum

Üütjschiten, Ausschießen

it der Konfirmation sind die Jungen und Mädchen dem Kindesalter Üütjschiten in Oldsum auf Föhr entwachsen. Die Mädchen auf Föhr haben abends an einem Wochentage ihre Zusammenkunft, und die Jungen sind jetzt fähig, als Mitglieder in den Jungmännerverein, dem Hualewjonken einzutreten. Hualewjonken heißt wortgemäß ins Deutsche übersetzt: Halbdunkel. Das Hualewjonken wurde 1885 von 32 jungen Männern aus Oldsum auf Föhr gegründet, deren Namen uns noch alle in einem Protokollbuch überliefert sind. Von denen sei Boj Cornelius Nissen genannt, der als erster im Protokollbuch verzeichnet ist. Der Zweck des Hualwjonkens bestand darin, die Winterabende gemeinschaftlich durch Kartenspiel oder Erzählungen zu verbringen. Auch heute steht das Hualewjonken auf Föhr noch auf dieser Grundlage, aber der Wirkungskreis des Halbdunkeln hat sich vergrößert. Eine Aufgabe besteht in der Erziehung der Rekruten, der neuen, jungen Mitglieder. Es bildete sich zudem der Brauch des Üütjschitens. Das friesische Wort Üütjschiten übersetzen wir mit Ausschießen.
Üütjschiten in Oldsum auf Föhr Wenn ein junger Mann mit seinem Mädchen freit und es siebenmal hintereinander nach Hause begleitet hat, greift das Hualewjonken ein. Die Mitglieder des Hualewjonkens umzingeln das Haus des Mädchens, in dem sich das Paar getroffen hat, und schießen dreimal mit einem Jagdgewehr. Erscheint der Junge jetzt nicht freiwillig, so werden die Fenster und Türen aufgerissen und der betreffende junge Mann aus dem Haus geschleppt. Er muß sich jetzt entweder vor aller Öffentlichkeit zu dem Mädchen bekennen, oder er wird von den jungen Leuten erfasst und in eine mit Stroh ausgelegte Karre gepackt und durch das Dorf gefahren. Ein Nachbar erzählte:
Eines Abends wurde auch ich mit meinem Mädchen überrascht und ausgeschossen. Nachdem ich mich von meinem ersten Schrecken erholt hatte, wollte ich schnell durch die Tür entwischen. Aber vergebens, alles war von kräftigen jungen Leuten belagert. Für mich gab es nur einen Ausweg: Die Bodenluke. Ich war noch so geistesgegenwärtig, dass ich mir die Schuhe auszog, denn ich wollte doch nicht, dass die Eltern meines Mädchens von dem Vorfall etwas merkten. Natürlich, wie ich später erfuhr, hatten sie alles mit angehört. Auf leisen Sohlen schlich ich über den Dachboden, öffnete die Giebelluke und sprang in die Tiefe. Ich landete in einer Mistkarre, und eh ich mich versah, wurde ich unter dem Gejohle meiner Kameraden durch das Dorf gefahren!
Doch nimmt das "ausgeschossene" Paar die Gratulation der Üütjschiter an, muss der junge Mann einige Bowlen Punsch spendieren. Jetzt gilt das Paar für das Hualewjonken als Brautpaar.
Die Regeln für das Üütjschiten wurden am 20.1.1933 im Protokollbuch festgehalten: 1. Es darf nur ausgeschossen werden, wenn der junge Mann nicht an dem selben Abend mit dem Mädchen in einem öffentlichen Lokal war: Gastwirtschaft, Café, Kino usw. 2. Es darf nur nach 22.00 Uhr ausgeschossen werden. 3. Das Paar muss sich in einem Haus befinden, unter freiem Himmel darf nicht ausgeschossen werden. 4. Das Paar darf sich nicht in einer Gesellschaft befinden. 5. Auch darf das Paar nicht ausgeschossen werden, wenn es sich mit den Eltern des Mädchens in einem Zimmer befindet. Am Sonntag nach dem Üütjschiten tritt das ausgeschossene Mitglied vor das Hualewjonken mit den Worten: "Ik skal jam grööte fan a Bridj!" "Meine Braut jäßt grüßen!" Mit dem Spendieren einiger Bowlen nimmt er Abschied vom Hualewjonken, denn hier sind nur ledige junge Männer zugelassen.
  Aus: "Föhrer Sitten und Gebräuche", Anke Nielsen, Klintum auf Föhr, 1955
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